Kindheit in Cunnersdorf

Ein Leben, mein Leben in Wort und Bild


Meine ersten vier Jahre

in Zwönitz und Cunnersdorf 

 

Ist mein Leben ein Roman? Wenn ja, dann müssten über Millionen Romane geschrieben werden, denn das Leben eines jeden Menschen ist ein Roman. Und so wie es in der Literatur interessante und weniger packende Romane gibt, so verhält es sich auch mit dem Leben der Menschen. Ich empfinde mein Leben als sehr ereignisreich, aber ob es wirklich so ist, oder ich mir es nur einbilde, das sei dahingestellt. Nun gut, ich lasse diesen Gedanken schweben und gehe über zur Tat. Übrigens, es ist der Xte Versuch meine Lebensgeschichte aufzuschreiben, denn es fällt mir schwer, es fehlt der konsequente Impuls durchzuhalten. Und schon allein dieses "durchzuhalten" gibt Aufschluss, dass mir harte Arbeit bevorsteht. Irgendwie fällt es mir leichter, Geschichten die meiner Fantasie entspringen niederzuschreiben. Kurzerzählungen und Romane die fast ausschließlich aus meiner Fantasie entstammen, Gedichte und lyrische Gedanken, all das kommt meistens von ganz alleine und aus einem Guss auf mich zu. Aber ich habe den Wunsch, meinen Kindern, meinen Enkelkindern und ihren Nachkommen etwas von mir zu hinterlassen, obwohl mir bewusst ist, dass ich eigentlich nur ein Korn in einer langen Ahnenkette bin, aus der sie entstanden sind. Und am liebsten würde ich nur einfach das niederschreiben, was mir an philosophischen Gedanken durch den Kopf geht, über mein Leben, das Leben der Menschen, die Bedeutung des Lebens insgesamt. Dem muss ich nun ein Ende setzen und endlich zur Tat übergehen. Also fange ich mit einem Foto von mir und eines mit meiner Mutter Ingeborg Berge geborene Stroever und meiner Halb-Schwester Ellen Nadrowski geb. Wagner an:


Hier bin ich ein Tag alt

Meine Mutter mit mir und Ellen - 16.05.1936


 

Diese Aufnahmen machte mein Vater Gerhard Berge in dem Stadtkrankenhaus in Aue wo ich geboren wurde. Und an dieser Stelle, möchte ich mich bei meinem Vater bedanken, denn ohne seine Leidenschaft zum Fotografieren, könnte ich nicht meine Lebensgeschichte mit Bildern untermalen. Also Papa (ich nannte ihn immer Vati), wenn du mich hörst und/oder diese Aufzeichnungen lesen/anschauen kannst: "Hab recht herzlichen Dank für die vielen Fotos und dass du mich in die Fotografie eingeführt hast. Ich werde in meinen Aufzeichnungen ein eigenes Kapitel über diese Zeit in Solln einfügen, in der wir gemeinsam Filme entwickelt und danach von den Negativen Fotos vergrößert haben. Auch möchte ich mich entschuldigen, wenn ich dich öfters geärgert habe, aber so ist es nun einmal in der Pubertät. Davon jedoch mehr in einem extra Kapitel."

Das Stadtkrankenhaus in Aue / Sachsen
Das Stadtkrankenhaus in Aue / Sachsen

Das erste Lebensjahr

(Aufzeichnung meines Vaters)

 

Karin weilte mit Mutti vom 14.5.1936 - 22.5.1936 im Stadtkrankenhaus Aue. Der erste Anblick war so wie auf der Photographie. Im herrlich geschmückten Auto (Flieder) fuhr sie dann zu Oma Stroever (Auguste Stroever, geb. Eick, ist die Mutter meiner Mutter, also meine Großmutter mütterlicherseits). Am 29.5.36 kam sie dann zu uns. Mutter Berge (Emma Berge, geb. Franke, ist die Mutter meines Vaters, also meine Großmutter väterlicherseits) war in dieser Zeit 6 Wochen bei uns. Die Schlafstube war mit Flieder geschmückt und entsprechend hergerichtet.- Das linke Auge war etwas entzündet, das rechte folgte.- Ihre erste Flaschennahrung probeweise bekam sie am 3.5.36 (dieses Datum kann wohl nicht stimmen, ich vermute, dass es der 3.6.36 sein könnte). Sie trank sehr gut, schläft viel. Beim Schreien (hier Wort unleserlich) Stimme angenehm, sagt Inge (Ingeborg Berge, geb. Stroever, ist meine Mutter). Mutti sagt immer: "I ja, Du Gutchen!", wenn Karin nach Nahrung schnappt.

14.6.36 Heute ist Karin 1 Monat alt. Beim Baden photographierte ich, ebenso beim Stillen. Sie lachte mehrere mal, hatte die Augen lange offen. Die Augenentzündung ist so ziemlich vorbei.- Gestern war Mutter Stroever da. Karin wurde sehr ansehnlich gefunden. 

Es folgen weitere Aufzeichnungen meines Vaters in dem Fotoalbum "Das Leben unseres Kindes". Diese hat er mit kleiner Schrift sehr eng geschrieben und es würde zu weit gehen, diese hier zu bringen. 

Hier meine Beiden Großmütter

Emma Berge geb. Franke
Emma Berge geb. Franke
Auguste Stroever geb. Eick
Auguste Stroever geb. Eick

Kühnheide

 

Meine Eltern wohnten in Kühnheide bis zu dem Umzug am 27.12.1937 nach Cunnersdorf bei Heinichen, wo mein Vater Lehrer war. Diese Zeit in Kühnheide kann ich nur durch Fotos nachvollziehen, denn bisher habe ich keine konkreten Aufzeichnungen gefunden.

Mein Vater mit mir, meine Mutter und meine Schwester Ellen
Mein Vater mit mir, meine Mutter und meine Schwester Ellen
Meine Mutter mit mir bei der Taufe in Zwönitz am 18.10.1936 Pfarrer Krug taufte mich (evangelisch)
Meine Mutter mit mir bei der Taufe in Zwönitz am 18.10.1936 Pfarrer Krug taufte mich (evangelisch)
Nach der Taufe vor der Kirche
Nach der Taufe vor der Kirche

Taufgaeste
Taufgaeste

Taufgäste v.l.n.r.:

Der Bruder meines Vaters Werner Berge

Mein Großvater Theodor Stroever

Höchstwahrscheinlich der Mann von meiner Taufpatin Hanni Möllenbach

Meine Mutter Ingeborg Berge, geb. Stroever

Dahinter mein Vater Gerhard Berge

Neben meiner Mutter, meine Taufpatin Hanni Möllenbach

Dahinter meine Großmutter Auguste Stroever, geb. Eick

Der jüngere Bruder meines Vaters Heinz Berge (im 2. Weltkrieg gefallen)

Meine Großmutter Emma Berge, geb. Franke

Lore Berge (Frau von Werner Berge) 

Sophie Ebersbach (auch meine Taufpatin)

Mein Großvater Theodor Stroever mit seinem Auto und mein Vater mit seinem Auto ein DKW
Mein Großvater Theodor Stroever mit seinem Auto und mein Vater mit seinem Auto ein DKW

Umzug nach Cunnersdorf bei Heinichen

 

 

Bevor ich meine ersten Erinnerungen aus dieser Zeit aufschreibe, werde ich hier eine Eintragung bringen, die ich aus dem Internet auf der Homepage von Heinichen gefunden habe. Danach füge ich die Aufzeichnungen meines Vaters ein.

Ortsteil Cunnersdorf

Für Cunnersdorf gibt es 1322 eine erste urkundliche Erwähnung. Der Ort war nach Hainichen gepfarrt. Im 12. - 19. Jh. gab es Silbererz- und Kohlebergbau. Mundlöcher auf der Ortsflur zeugen noch heute davon.

Das Waldhufendorf erstreckt sich ca. 2 km entlang der Bachaue des Pahlbaches. Der Bach entspringt südöstlich des Ortes und fließt in Richtung Norden der Kleinen Striegis zu.

Um Cunnersdorf stoßen der südlichste Rand des Mulde-Lößhügellandes und der nordwestlichste Ausläufer des Osterzgebirges zusammen. Die Ortslage fällt von 330 m ü. NN auf 310 m ü. NN.

Sehenswertes: Steinbogenbrücke, Kriegerehrenmal

Ansässige Gewerbebetriebe:

Kfz-Reparatur, Autoteile / Gaststättengewerbe / Autolackiererei

 

 

Steinbogenbrücke über den Phalbach
Steinbogenbrücke über den Phalbach
Wiesenlandschaft beim Phalbach
Wiesenlandschaft beim Phalbach

Ehemalige Schule links unten
Ehemalige Schule links unten

Aufzeichnungen meines Vaters Gerhard Berge

Aus dem zweiten Lebensjahre Karins

 

Karinchen ist ein zu drolliges Dingelchen geworden. Sie ist nicht unter dem Namen Karin bekannt, sondern sie heißt "Hagen". Karin kann sie nämlich nicht sprechen, sondern immer sagt sie "Hagen". Sie zog am 27.12.1937 mit in unsere neue Heimat, nach Cunnersdorf. Hier hat sie nun, zusammen mit ihrer Schwester Ellen das reinste Paradies. Vor der Schule ein großer Garten, hinter der Schule ein großer Berg mit Obstbäumen, den sie auch schon unter dem Namen "Berg" kennt. Immer ist sie unter den Freundinnen Ellens, so als ob sie schon zu den "Großen" gehörte. In der Klasse hat sie auch schon gesessen, oft sagt sie vormittags, dass sie zu "Kindis" wolle. Damit meint sie die Schulkinder. Mutti hat "Arbeit", Vati hat "Schule". Ihre erste selbsttätige Arbeit in der Wohnung war, die Treppen in der Diele zu ersteigen, heute begnügt sie sich schon nicht mehr damit, sondern zieht schon mit Vorliebe die Teppichstangen heraus. Immer macht sie "Unarten". Dabei spricht sie das "r" sehr schön und rollt es auch sehr gut. Im "Stall", das ist das kleine Spielzimmerchen, ist sie nur dann, wenn es unbedingt sein muss. Sonst sind beide, Ellen natürlich an erster Stelle, lieber in der Diele oder auf dem geräumigen Boden. Auf die Frage: "Wie heißt Du?", sagte sie eine Zeitlang sehr schön: Hagen Berge". Das ins Bette bringen, das ihr wie jedem Kinde besondere Sorge macht, geht nach genauem Zeremoniell vor sich. Erst macht Vati "Eins, zwei bumms", das heißt, bei "Bumms" fliegt Karinlein ins Bette, dann sagt sie: "Gute Nacht", dann "Slav dut!" Regelmäßig tobt sie dann noch eine Weile, strampelt sich auf, zieht ihre Hösis aus und babelt. Ein Klitsch von Vati muss oft strafen. Unter Tränen sagt sie dann, dass sie "Püsch, Püsch eideh" machen soll.

Das erste, was sie konnte, war, dass sie auf Auffordern hin, "Händis, Öhrlis, Mundeli, Fingerlis, Ärmis, Zähnis, Zungeli" zeigte. Auf die Frage: Wo sind Deine Guckelis?" verdrehte sie die Augen oder klimperte mit den Wimpern, was uns lange Zeit sehr viel Spaß machte.

Sie ist ein echtes "Muttikind". Mit Vati macht sie immer "Hau-Hau". Neuerdings hat sie sich schon zum Roheren entwickelt und macht "Zwicke-Zwicke mit Dreh-Dreh", das soll heißen, sie kneift ziemlich energisch in die Backen und dreht dabei die Hand herum. Ab und zu sagt sie auch dazu: "Klatsch rein!" Es ist aber so drollig, dass wir oft hellauf lachen müssen.

Als Inge krank war (Mai 1938), zeigte sie eine rührende Anhänglichkeit. Bei jeder sich bietender Gelegenheit war Karinlein husch durch die Türen und besuchte ihr "Muttilein". Sie sagte auch: "Muttilein, wein nich!", als Mutti wieder große Schmerzen hatte. "Muttile" oder "Muttel" sagte sie auch. Vati gegenüber behauptet sie steif und fest, sie sei ein "Muttidold". Oft entspinnt sich nun ein lebhaftes Gespräch über "Mutti- oder Vatikind". Heute sagt sie zu mir: "Vati", schöner klang es noch, als sie "Wati" sagte. Fahren wir mit dem Auto nach Hainichen, so sagt sie erst: "Auto fort", und dann wenn sie die ersten Häuser von Hainichen bemerkt, sagt sie ruhig:  "Tadt!". Auf der Autobahn bezeichnet sie die Brücken mit "Husch". Als meine Mutter im Mai einige Tage bei uns weilte, sagte sie auch zu ihr: "Omilein!".

Viel Spaß hat uns das erste bewusste Wort eines Werturteiles ihrerseits gemacht, nämlich das Wort "bumme", statt dumm. Nur ungefähr 4 Wochen sagte sie dies, dann wurde es abgelöst durch "bumm", so wie es ihr einfiel, einmal Vati, dann Mutti, dann Ellen, dann Ruth, unsere jetzige Aufwartung. Wenn sie mit Ruth einmal Streit hat, und das kommt öfters vor, weil sie Ruth aufs Töpfchen setzen soll oder sie einpackt usw., sagt sie "Bumme Ruth!" Weg!" und haut los. Ihre erste Redensart in Cunnersdorf waren die "Pimpis". Nicht lange danach sagte sie "Pümpe" und heute spricht sie "Strümpfe". Hat sie doch noch einmal in die "Hösis" gemacht, was, zu ihrer Ehre sei es gesagt, ganz selten vorkommt, sagt sie drollig: "Hösi an!". Oft wird sie zornig und wir möchten das nicht missen, wenn wir sie ausziehen wollen: "Lleine austiehn!". Viel Sorge hat sie mit den Ausdrücken: Töpfi, Lullul, Bette". Auf die Frage: "Wie alt bist du?", antwortet sie schön: "Ei Jahre", was heißen soll: "Zwei Jahre!". Hat sie etwas bekommen sagt sie meistens: "Danke!". Aber ohne dass wir sie auffordern. Ganz goldig sieht ihr: "Bitte, bitte" aus.

Sehr empfindlich ist das Hagenlein oder Mutti sagt "Mitschlein". Schnell verzieht sie bei irgendeinem Tadel das Gesicht, schnell sind auch die Tränen da und schneller noch ihre überzeugenden Reden: "Dute Hagen, dute Hagen!" Dann versiegen auch schnell die Tränen oder das Gesicht wird lachend, wenn wir ihre Antwort wiederholen.

Köstlich war die Zeit, da Ellen 1938 zur Schule kam. Die Zuckertüte und alles, was damit zusammenhing, hieß bei Hagen "Osterhase dinne!". Weil nämlich die Zuckertüte im Esszimmer lag, das immer verschlossen war. Sie hat aber dann an Ellens Zuckertüte genauso geräubert, wie Ellen selbst.

Viele Wörter verstümmelt sie z.B. Abor (soll Abort heißen). Wenn etwas nicht so gehen will, wie sie es gerne möchte, sagt sie: "Det nich!". Als ich kürzlich im Herrenzimmer saß und arbeitete, kam sie herein und machte auf Anstiften Muttis: "Päh!", lachte und verschwand wieder. Wenn sie zu Mittag keine "Beeleins" bekommt, wäre ihr das ganze Mittagsessen nichts, obwohl wir nicht etwa über wenig Appetit bei ihr zu klagen hätten. Sie frisst schon manchmal. Das was Ellen isst, isst sie schon längst. Oft kommt sie auch an Mutti ran und in Bezug auf Spinatessen oder Spargelfuttern schlägt sie Vati spielend. Heute Mittag übertrumpfte sie Mutti beim Reisessen.

Ein Wort haben wir ihr beigebracht, das ist "Tinken ham!", (soll heißen: "Trinken haben!".) Ununterbrochen wollte sie nun "Tinken ham, tinken ham!". Als sie die Tasse noch nicht allein halten konnte, wurde es oft zuviel, dass wir ihr irgend etwas zu trinken geben mussten. Heute sitzt sie seelenvergnügt allein (Lleine Tinken ham!") auf dem Fußschemel, den sie mit zwei Händen hoch hebt, als wäre es ein Stück Papier, und trinkt ganz allein Wasser oder Milch, je nachdem was sie bekommt.

Die Bilder auf den Seiten zeigen unsere "Hagen" im Räuberzivil. So tollt sie hier herum, ohne Schminke, ohne gute Kleider usw. Einmal auf dem Berge, dann in der Schule, im Spiel mit Ellen, auf dem Turnplatz auf dem Fußschemel an dem Wasserhahn, immer auf Touren, immer lustig, immer lachend. Sie schwatzt das Blaue vom Himmel herunter. Im Winter hat sie viel gepuppelt oder aber "zum Fenster nausdutten!" gemacht. Mit der Nase platt an der Scheibe, beobachtet sie alles interessiert, was draußen vor sich geht. Unser Umzug nach hier hat nicht bloß uns große Freude gemacht, sondern unsere zwei Kinderchen haben am meisten gewonnen, gewonnen für ihr ganzes Leben, nämlich eine sonnige Jugendzeit, frei von Großstadtlärm, inmitten der herrlichen Natur, in frischer freier Luft, in Gesundheit und Lebensfrohmut. Wir vier, Mutti, Vati, Ellen und Karinlein bilden eine Glücksgemeinschaft, die das Höchste, was es gibt, für das angenehmste und wertvollste Geschenk Gottes hält: Ein frohes und glückliches Familienleben, wo der eine für den anderen lebt und der eine immer darauf bedacht ist, den anderen aus der Familie recht viel Glück zu bringen. Möge unseren beiden Kindern auch dieses große Glück, wie wir es in unserer Ehe gefunden haben, bedacht sein. Dies wünschen wir ihnen von ganzem Herzen.

Gezeichnet: Gerhard Berge - Juni 1938

 

Es folgen zwei weitere Aufzeichnungen

 

Unsere Karin!

Von Tag zu Tag beobachten wir jetzt, dass sie ganz lebhaft anfängt zu sprechen. Sie sagt alles nach, wenn auch noch nicht in den richtigen Wörtern. Statt Karin sagt sie Hagen. Auf die Frage: Wie heißt Du?", antwortete sie richtig Hagen Berge. Komme ich aus der Schulstube, so ist sie sehr erfreut, zeigt mir freudestrahlend den Stuhl, auf dem ich immer sitze. Zu Mittag holt sie sofort die Schuhe aus der Ecke, um sie mir zu bringen. Sie babelt in einem fort. Mit Mama macht sie gerne "DuDu", das soll heißen "Kuckuck". Sie versteckt sich dann hinter dem Küchentisch, lugt hervor und freut sich mit Mama herzlich. Sie kann wunderschön kichern. Will man von ihr wissen, wo die Guckaugen sind, so kneift sie die Augen zusammen und ist sich voll bewusst, dass sie dadurch Lachen hervorruft. Früh ½ 8 Uhr ruft sie Ellen mit lauter Stimme. Erst war es umgedreht, da weckte Ellen unsere Karin. Mit Ellen tobt sie zu gerne. In dem "Stall", so nennen wir das kleine Kinderspielzimmer, sind sie sehr gerne, sind aber auch sehr froh, wenn sie auf dem Dielenboden spielen können. Da geht es nun sehr zu Faden. Gekritsche und Gekreische ist genug zu hören. Von Tag zu Tag wird sie goldiger.

 

 

Unser neues Heim in Cunnersdorf

Es ist ein Glückstern gewesen, der über unserer ganzen Cunnersdorfer Bewerbung und der dazugehörigen Geschichte gelagert hat. So schön hätten wir es nirgends treffen können als hier. Es ist hier so schön noch wie am ersten Tage. Die Menschen doch so ganz anders als bei uns im Erzgebirge. Die Landschaft doch ganz anders, nicht so wie in Zwönitz, rau und unwirtlich. 1 ½ Monat ist es her, dass wir nach hier verzogen. Arbeit in Hülle und Fülle sorgten dafür, dass wir noch nicht einmal irgend eine Sehnsucht nach der ehemaligen Heimat empfanden. Auch unser Auto ist fast überhaupt nicht angerührt worden. Bei Herrn Bürgermeister Gengge steht es wohlverwahrt in dessen ehemaliger Garage und hält den Winterschlaf. Ich habe auch nicht die Absicht, in absehbarer Zeit den Winterschlaf des Wagens zu stören, zumal wir hier in Cunnersdorf glänzende Autoverbindungen nach Freiberg, Hainichen und nach Oederan haben, so dass wir jederzeit in kürzester Frist in genannten drei Städten sind.

Unsere Wohnung und damit die Schule liegen wunderbar. Etwas abseits von der Hauptverkehrsstraße Hainichen-Oederan und trotzdem mit Blick auf dieselbe, liegt unsere Schule an einem Nebenwege, der parallel zur Hauptstraße läuft. Es ist doch herrlich, ein ganzes Haus zu haben, und trotzdem nicht Besitzer zu sein. Ein großer Gemüsegarten von ungefähr 100 Qm wartet auf die Arbeit des Frühjahrs. Die Gemeinde hat alles getan, was überhaupt möglich war. Für meine Garage hat sie einen großen Gartenplatz kostenlos zur Verfügung gestellt. Außerdem wurde ein großes schönes Tor im Werte von 135 RM neu gebaut mit einem großen Einfahrtstor. Es ist dies alles ein wunderbares Gegenstück zu meinem vorigen Wirkungsorte Kühnheide, wo alles nur aufs Geld aus war und jede Kleinigkeit teuer bezahlt werden sollte. Hinter der zukünftigen Garage geht ein Berg hoch, der uns das Erzgebirge ersetzt. Terrassenförmig schlängelt sich der Weg hoch, bis er eine Höhe erreicht, dass man über das Dach der Schule blickt weit ins Tal der Bahle hinab bis hinauf zu den Bockendorfer Höhen. Wie schön liegt Cunnersdorf im Tale der Bahle, breit hingelagert nicht so eng wie die umliegenden Dörfer Eulendorf oder gar (….berg - unleserlich).

Vor der Schule liegt eine Wiese, die wir zur Pacht mitbekommen haben. Vorige Woche habe ich für meine gute Inge dort sechs Wäschepfähle setzen lassen. Diese Wiese verpachten wir wieder wegen der Grasnutzung und bekommen dafür dasselbe Geld, was wir der Gemeinde für die Wiese bezahlen.

 

Unsere Wohnung ist mit den neuen herrlichen Gardinen ganz großartig. Jedes Zimmer ist infolge der neuen Dampfheizung schön warm. Der Boden ist riesig. Kurz, wir haben hier ein Idyll.


Erste Erinnerungen

 

So, nun bin ich dran. Hier einige Daten:

 

3. Januar 1940 waren wir noch in Cunnersdorf. Da wurde dieses Familienfoto gemacht..

Familie Berge
Familie Berge

v.l.n.r.:

Meine Mutter (Ingeborg Berge geb. Stroever) mit mir auf dem Schoß

Meine Großmutter Emma Berge geb. Franke

dahinter meine Schwester Ellen

neben ihr mein Onkel Heinz Berge (jüngster Bruder meines Vaters)

neben ihm mein Vater Gerhard Berge

davor Lore Berge geb. Schubert -

(Frau von Werner Berge, der ältere Bruder meines Vaters) mit beider Tochter Maria (heute heißt sie Maria Scherzer geb. Berge)

ganz rechts:

mein Onkel und ältester Bruder meines Vaters Werner Berge

Bemerkung: alle drei Berge-Brüder waren Lehrer


Es ist mir nicht bekannt, wann und weswegen mein Vater von Cunnersdorf wegzogen ist und nach Berlin und Kattowitz kam bevor wir Dezember 1941 / Januar 1942 nach Gran Canaria aufbrachen. Ich vermute er war Lehrer in Kattowitz, denn es gibt ein Foto mit dem Lehrerkollegium. Meine Mutter besuchte ihn in Berlin und ein Vierteljahr in Kattowitz. In dieser Zeit ist meine Schwester Ellen dort zur Schule gegangen. Nach Aussagen meiner Mutter hat sich mein Vater beim Auswärtigen Amt in Berlin als Lehrer für eine Deutsche Schule im Ausland beworben. Nach seinem Studium und vor seiner Heirat mit meiner Mutter war er einige Zeit als Lehrer an der Deutschen Schule in Athen tätig. Sicher ist, dass meine Mutter mit uns Kinder im Dezember 1941 per Zug über Frankreich nach Spanien reiste und wir uns mit meinem Vater im Januar 1942 in Madrid trafen. Mein Vater war vorausgereist. Dann flog die ganze Familie mit einem Propellerflugzeug, eine JU, von Madrid mit Zwischenlandung in Ifni nach Gran Canaria.

 

Vier Jahre Cunnersdorf. An was kann ich mich am Meisten erinnern ohne mich von Fotos beeinflussen zu lassen? Da ist der Bach. Heute weiß ich, dass er Pahlbach heißt. Ich erinnere mich an die Wiese und den Bach mit seinem schlammigen Geruch. Wie ich nackt über die Wiese renne und Gänse hinter mir her rennen. Wie mich eine in den Po zwickt. Ich mache heute noch einen großen Bogen um schnatternde Gänse.

Dann war auch noch das Plums-Clo auf halber Treppe im Haus. Es stinkte fürchterlich.

An den wunderbaren großen Oberboden kann ich mich gut erinnern. Er hatte ein Fenster und da war auch eine Schaukel.

 

Und dann war da noch der Berg hinterm Haus. Manchmal träume ich noch, dass ich hinauf gehe, an eine Zaunbegrenzung gelange, und nie erfahren werde, was hinter diesem Berg noch kommt.

 

Ein Zimmer mit zwei großen Fenstern sehe ich heute noch vor mir. Es ist ein sehr helles Zimmer in dem der Flügel meiner Mutter steht.

 

 

Als ich im Internet recherchierte, klopfte mir vor Freude das Herz, denn es gibt tatsächlich eine alte Brücke (Steinbogenbrücke) über den Bach, die, wenn ich an Cunnersdorf denke, immer erscheint. Ich sitze im Kinderwagen und meine Mutter geht mit mir über diese Brücke.


Hier ein Foto meiner Großeltern Stroever / Eick, die mein Vater machte, als wir sie in Zwönitz besuchten.

Familie Eich / Stroever / Berge
Familie Eick / Stroever / Berge

v.l.n.r.:

Meine Urgroßmutter Hulda Eick geb. Krüner mit meiner Schwester Ellen

meine Großmutter Auguste Stroever geb. Eick mit mir

mein Vater Gerhard Berge

mein Großvater Theodor Stroever

und davor meine Mutter Ingeborg Berge geb. Stroever


Aber nicht nur Erinnerungen an Cunnersdorf sind geblieben, sondern auch an Zwönitz wo meine Großeltern wohnten. Ich kann mich an die Wohnung meiner Großmutter Emma Berge erinnern. Es war eine dunkle Wohnung im ersten Stock in einem Mietshaus. Viel dunkles Holz. Einen etwas erhöhten Erker mit einem Nähkorb. Irgendwo ein Waschbecken und ein Klavier.

 

Im Gegensatz zu dieser dunklen Wohnung war das Haus meiner Großeltern Stroever sehr hell. Meine Großmutter badete mich in einem weißen schönen Bad. Allerdings brauste sie mir die Seife aus den Haaren ohne Rücksicht ob ich Luft bekam oder nicht. Das war weniger schön. Das Bad roch gut. Vielleicht nach einem desinfizierendes Putzmittel. In der Praxis meiner Augenärztin habe ich diesen Geruch wiedergefunden. Wenn ich bei meinen Stroever Großeltern war, musste ich einen langen Mittagsschlaf machen. Eine Standuhr tickte in dem Zimmer. Die Zeit kam mir endlos vor. An meinen Stroever Großvater denke ich heute noch sehr gerne. Jeden Abend nahm er mich bei der Hand und wir gingen durch das große Haus um die Rollos herunter zu lassen. Dabei sang er: "Jetzt wollen wir das Haus verdunkeln, wenn die Abendsterne funkeln". Sogar die Melodie kann ich noch heute nachsingen.

 

Zum Schluss noch eine letzte Erinnerung an Kattowitz: Eine rußige Stadt, nur hohe Mietshäuser, keine grünen Anlagen und Bäume, in der Nacht heulten Sirenen.


 

Hier einige Fotos aus der Cunnersdorfer Zeit:

Meine Schwester Ellen, Hund Lumpi und ich
Meine Schwester Ellen, Hund Lumpi und ich
Das bin ich mit dem DKW meines Vaters auf dem Platz vor der Schule
Das bin ich mit dem DKW meines Vaters auf dem Platz vor der Schule

Mein Vater und ich vor dem Weihnachtsbaum
Mein Vater und ich vor dem Weihnachtsbaum
Das bin ich mit ca. 2 Jahren
Das bin ich mit ca. 2 Jahren
Mein Vater und ich an der Ostsee in Graal
Mein Vater und ich an der Ostsee in Graal
Das bin ich mit ca. 3 Jahren
Das bin ich mit ca. 3 Jahren
Ehemalige Schule in Cunnersdorf
Ehemalige Schule in Cunnersdorf
Mein Vater mit seiner Klasse
Mein Vater mit seiner Klasse

mein Vater mit seinen Schülern

vorne in der Mitte meine Schwester Ellen


Damit beende ich die Aufzeichnungen meiner ersten vier Lebensjahre und gehe zu der Zeit, die ich bis zu meinem 17. Lebensjahr auf Gran Canaria verbracht habe.