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...leben... von Hilde Möller

Rezension: „leben“ von Hilde Möller

 

Hannahs Kampf um Gleichstellung und Wertschätzung

 

So könnte die Überschrift im Allgemeinen lauten. Hannah kämpft für sich selber in Hilde Möllers autobiografischen Roman „leben“ um diese Gleichstellung und ihre eigene Wertschätzung. Aber ihr ganz persönlicher Kampf ist auch der Kampf von sehr vielen Frauen in der Nachkriegszeit des 2. Weltkrieges. Über Jahrtausende haben Frauen ihre Aufgabe als Ehefrau und Mutter als Lebensziel meistens akzeptiert. Waren abhängig vom Wohlwollen des Mannes. Frauen, die einen sogenannten guten Mann erwischt haben, konnten sich glücklich nennen. Frauen, die die vorgeschriebene Rolle nicht akzeptieren konnten, wurden als Suffragetten abgestempelt.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat es so eine radikale Veränderung im Leben der Frauen gegeben wie nach dem 2. Weltkrieg. Es war die Zeit der Trümmerfrauen, die Zeit in der Frauen radikal Einzug in die Berufswelt hielten. Es war auch die Zeit der Schlüsselkinder weil die Mütter gearbeitet haben. Es kam auch die Zeit der starken Kindergeburten. Es war die Zeit in der sich Frauen, so wie Hannah in dem Buch von Hilde Möller, sich langsam doch stetig ihre Berechtigung als Mensch erkämpft haben. Männer hatten einen Beruf, Frauen, wenn sie auch Berufstätig waren (meistens aus finanziellen Gründen) hatten 2 Berufe: Hausfrau und Mutterschaft einerseits und Frau im Berufsleben andererseits. Es kam die Zeit der Kinderreichen Familien. Die Belastung der Frauen war enorm und die Chemische Industrie hat ihre Chance gewittert, hat die Anti-Baby-Pille auf den Markt lanciert. Die Knaus-Ogino-Verhütung wurde propagiert und angewandt. Männer konnten Kondome in sämtlichen öffentlichen WCs am Automaten kaufen. Pessare wurden von vielen Frauenärzten in die Gebärmutter der Frauen eingesetzt. Sterilisierungen und Abtreibungen waren Tabu. Hat das alles funktioniert? Wurden weniger Babys geboren? Konnten Frauen sich freier entwickeln? Nein, denn die Möglichkeiten der Verhütung funktionierten nicht 100%ig. Pille und Pessare hatten starke Nebenwirkungen. Kondome wurden von vielen Männer abgelehnt (übrigens, auch von Frauen). Und die Knaus-Ogino-Methode funktionierte bei vielen Frauen schon gar nicht.

Hannah bekam ein Kind nach dem anderen, insgesamt 7 Kinder in 9 Jahren. Sie war nicht nur vollkommen ausgelaugt durch die vielen Geburten und den riesigen Anforderungen als Ehefrau, Hausfrau und Mutter, sondern auch innerlich zerrissen. Sie musste stets funktionieren. Einerseits liebte sie ihren Mann und ihre Kinder, aber sie konnte nicht verhindern, dass ihr Inneres rebellierte. Alle gediehen im Laufe der Jahre prächtig, nur sie verfiel jeden Tag etwas mehr in ausweglose Verzweiflung. Depressionen, zu starker Konsum von Alkohol, Psychoanalyse, missglückter Selbstmordversuch waren die Folgen.

Als Leser möchte man Hannah liebevoll in die Arme nehmen, sie aber auch schütteln, ihr sagen: „Hör auf dein Leben als Schicksal zu betrachten, dich so zu verhalten wie die Gesellschaft es diktiert.“ Nur, hätten wir ihr in der damaligen Zeit eine Lösung anbieten können? Wohl kaum.

Hilde Möller schreibt sehr anschaulich Hannahs Zerfall und wie sie sich Jahrzehnte später aus diesem negativen Kreislauf befreien konnte. Als Leser kann man direkt den Zeitpunkt spüren, an dem Hannah unausgesprochen nur für sich selber gesagt hat: „Es reicht!“

Und heute? Ist die Gleichstellung der Frau abgeschlossen? Sicherlich nicht, denn die Arbeit der Frauen wird nicht im gleichen Maße wie der der Männer honoriert. Frauen müssen immer noch dafür kämpfen, dass mehr Kitaplätze geschaffen werden. Frauen müssen immer noch mehr beweisen als Männer, dass sie auch verantwortungsvolle Ämter übernehmen können. Ein Blick in die Nachrichten genügt, um festzustellen, dass politische Entscheidungen immer noch mehr von Männern getroffen werden als von Frauen. Was sich allerdings positiv geändert hat, ist, dass Paare heutzutage eine gezieltere Familienplanung vornehmen können. Nebenwirkungen der Pille wurden drastisch reduziert, Sterilisierungen beim Mann und Frau werden in Betracht gezogen und sind nicht mehr tabu.

Nicht nur die Handlung ist spannend geschrieben, sondern Hilde Möllers Figuren leben. Ihre Sprache ist klar und deutlich. Allen Männern und Frauen empfehle ich dieses Buch, denn es ist nicht nur die Geschichte von Hannah, die Geschichte der Frauen im Kampf um Emanzipation, sondern an Hand von Hannahs Schicksal können auch Männer erkennen, wie eine innige und echte Partnerschaft sein sollte.

Ich habe versucht eine Rezension ohne persönliche Emotionen zu schreiben, also möglich sachlich die Situation von Hannahs Generation zu schildern. Doch abschließend muss ich noch erwähnen, dass Hilde Möller nicht nur eine sehr mutige Frau ist, sie erzählt ja ihr eigenes „leben“, sondern auch so schreibt, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Es ist vorgekommen, dass ich mitten in der Nacht das Licht anmachte und weiterlesen musste.

Karin Steinberg-Berge 26.02.2014


Homepage der Autorin: www.hildemoeller.de 


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